Die Schlacht um den ordentlichen Religions-Unterricht in Berlin ist geschlagen und verloren. Das ist das bittere Ergebnis der Abstimmung vom 28.4.
Rückblickend sind wir, die wir uns in dieser Frage engagiert haben, einerseits bedrückt über das Ergebnis, andererseits aber auch dankbar. Bedrückt deswegen, weil viele Eltern nun gezwungen sind, ihre Kinder in einen Unterricht gehen zu lassen, in dem sie "zivilreligiös" über Religion informiert und formiert werden. Die verführerisch falschen Parolen vom "Wahlzwang" und von der angeblichen (weil erzwungenen) "Gemeinsamkeit" im Ethik-Unterricht klingen bitter nach angesichts des realen Zwangs, der sich nun durchsetzt. Bedrückend ist auch zu sehen, dass der Andrang auf kirchliche Schulen schon jetzt spürbar steigt und wir dieser Nachfrage aus Platz- und Kapazitätsgründen einfach nicht mehr gerecht werden können. Das "Enttäuschungs-Management" für abgewiesene Eltern und Kinder frisst immer mehr Zeit. Es sind keineswegs nur bürgerlich-christliche Familien, die bei den kirchlichen Schulen anklopfen, sondern auch muslimische, jüdische und auch religionslose Familien, die im Ethik-Unterricht nicht mehr ihren alten Lehrern begegnen wollen, an die sie sich noch aus ihrer eigenen DDR-Schulzeit erinnern. Bedrückend ist schließlich, dass sich von über 900.000 Christen in der Stadt nur ein Drittel sich an der Abstimmung beteiligt hat (eine Minderheit "Christen für Ethik" contra, eine Mehrheit pro). Ich erinnere mich aus manchen Gesprächen an entmutigende Sätze auch aus Christen-Mund wie: "Mich interessiert das Thema nicht, denn ich habe keine eigenen Kinder". Einfach unglaublich.
Wir sind aber auch dankbar. Am dankbarsten bin ich persönlich für die Erkenntnisse, die ich während der Debatte gewinnen konnte. Pro und Contra ging quer durch alle Schichten und Parteien - so gab es viele aufschlussreiche Überraschungen darüber, wer in dieser Frage wo stand und mit welchen Argumenten. Auch die offenen Aggressionen gegen Pro-Reli haben mir Augen geöffnet. Es gibt viele Politiker in der Stadt, die allein schon die Tatsache der Initiative Pro-Reli für skandalös halten und hielten. Das wurde auch in manchen Kommentaren nach der Abstimmung vom 28.4. sehr deutlich - eine erstaunliche Mischung aus Arroganz und Ignoranz mit aggressiver Außenseite. Die Kirchen wurden als Spalter gesehen (weil sie Wahlfreiheit zwischen Religion und Ethik forderten), als Vertreter von bloßen Eigeninteressen (weil nicht denkbar ist, dass es ein gesellschaftliches Interesse an ordentlichem Religionsunterricht geben könnte), als willige Instrumente in der Hand von CDU und FDP (da CDU und FDP Pro-Reli unterstützten). Offensichtlich sind Intellektuelle, Professoren und andere kluge Menschen genauso wenig gefeit gegen Verdachtslogik und Vorurteile wie Normalbürger.
Dankbar bin ich auch dafür, dass Pro-Reli dazu geführt hat, dass sich kirchenintern einige wichtige Fragen geklärt haben. Parolen wie "keine Werte ohne Gott" wurden schnell und aus guten Gründen zurückgezogen. Dafür wurden die "Frage nach Gott" und mit ihr die großen Themen der Religionen in die Mitte der Debatte gerückt. Ganz Berlin diskutierte wirklich über theologische Fragen und nicht bloß über "Werte". Erfreulich scheint mir auch, dass sich die Kirchen in Berlin zu einem klaren Ja für schulischen Religionsunterricht ausgesprochen haben. Das war anfangs gar nicht so selbstverständlich, da viele Kirchenmitglieder den Unterschied zwischen Religionsunterricht und Katechese noch nicht wirklich begriffen hatten bzw. Religionsunterricht mit Katechese verwechselten. Hier fanden in vielen Gemeinden und geistlichen Gemeinschaften Klärungen statt, die in der Konsequenz auch das eigene Selbstverständnis gegenüber dem öffentlichen Bildungsdiskurs betreffen. Schließlich ist es ein wichtiger und erfreulicher Schritt, dass die Bischofskonferenz für die spezielle Berliner Situation entschieden hatte, konfessionellen Religionsunterricht auch für solche Jugendliche zu öffnen, die anderen oder keiner Konfession angehören. In anderen Bundesländern gilt ja die Trias: Katholischer Religionunterricht bedeutet: Katholischer Lehrer, katholische Lehrer und katholische Schüler. In der Berliner Pro-Reli-Debatte war vorausgesetzt, dass der dritte Punkt der Trias nicht mehr verpflichtend ist. Die kirchlichen Schulen werden sich nun mehr fragen können und dürfen, ob sie sich ihrerseits einer weiteren Klientel öffnen, die andrängt. Kirchliche Schulen können aber jetzt auch mehr die Frage an sich heranlassen, welchen Beitrag sie für interreligiösen Dialog und interkulturelle Begegnung leisten können.
Insgesamt also: Grund zur Trauer, aber kein Grund zum Jammern. Die Fragen, die durch Pro-Reli aufgeworfen wurden, bleiben auf der Tagesordnung. Was in Berlin geschieht, geht nicht nur Berlin an. Wir stehen vor neuen gesellschaftspolitischen Fragen und damit auch vor neuen Chancen. Es ist kein Zufall, dass sie sich an den Themen Schule und Religion/Ethik zuspitzen und zeigen.
P. Klaus Mertes SJ