Liebe Eltern, liebe Freunde des Kollegs,
anbei gebe ich Ihnen die Einladung der Jesuiten in Berlin zur Mahnwache für die beiden ermordeten Mitbrüder in
Moskau zur Kenntnis. Die Tat und ihre "Aufarbeitung" spielten und spielen sich in einem besorgniserregenden
Umfeld ab. Deswegen sind wir daran interessiert, Öffentlichkeit herzustellen. Sollten Sie Kontakte zu Medien haben,
so wären wir Ihnen dankbar, wenn Sie die Hinweise und Informationen weiterleiten könnten.
Mit freundlichen Grüßen P. Klaus Mertes SJ
IN MOSKAU ERMORDET UND VERLEUMDET
Victor Betancourt-Ruiz + 25.10.08 (Ecuadorianer, Jesuit, 42 Jahre)
Otto Messmer + 27.10.08 (Wolgadeutscher, Jesuit, 47 Jahre)
Wir laden einer zu einer
Unter den Linden 63-65, 10117 Berlin am Donnerstag, 6.11.08, 16.00 bis 17.00 Uhr
In der vergangenen Woche, am Dienstag, den 28.10.2008, wurden zwei Jesuiten tot in ihrer Moskauer Wohnung aufgefunden. Die Ermordeten sind der Obere der Jesuiten für die Region Russland, der wolga-deutsche Kasache Otto Messmer (47), und der ecuadorianische Theologe Victor Betancourt-Ruiz (42). Beide sind vielen von uns Jesuiten in Deutschland aus persönlichen Begegnungen und gemeinsamen Studien bekannt.
Es ist für uns schwer, verlässliche Informationen über die Gräueltat zu bekommen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt heißt es von der Kriminalpolizei, dass die Spuren gesichert und ausgewertet werden müssten. Nach Informationen des Sprechers der katholischen erzbischöflichen Kurie in Moskau ist Victor am Samstag, den 25.10. in der Wohnung der Jesuiten erschlagen worden. Otto kam zwei Tage später von einer internationalen Tagung in Madrid zurück und wurde beim Eintritt in die Wohnung ebenfalls auf brutale Weise erschlagen. Die Täter müssen also zwei Tage gewartet haben, um auch den zweiten Mitbruder zu töten. Hier sollten Menschen gezielt beseitigt werden.
Die Umstände der Tat machen es uns schwer, auf Spekulationen zu verzichten. Umso mehr empört es uns, dass andere
Kreise in Russland schamlos spekulieren und die Tat nutzen, um die Ermordeten zu verleumden und so Feindbilder und
Vorurteile zu verstärken. Angeblich wird nach einem latein-amerikanischen Täter gefahndet; eines des Opfer kam ja
aus Lateinamerika. Was für eine Logik! In der Presse werden die Opfer selbst zu Schuldigen erklärt: Die
Njesawisimaja Gaseta schreibt am 29.10.:
"Nach Meinung der Ermittler könnte der Mord im Zusammenhang mit einem internen Streit geschehen sein.Jedenfalls
wurden in der Wohnung an der Petrowka Spuren eines Trinkgelages und inoffiziellen Informationen zufolge gebrauchte
Präservative gefunden."
Man scheut sich nicht, den Mord in mafiöse Kontexte zu stellen, in die auch andere katholische Ordensleute
involviert seien. Zynisch schließt derselbe Text einer in Russland immerhin sehr anerkannten Zeitung
mit den Worten: "Der Hintergrund der Tragödie, die an der Petrowka stattgefunden hat, ist dermaßen banal, dass es
jetzt keinen Sinn hat, irgendwelche Moralpredigten zu verbreiten. Geistliche sind Menschen, deren Leben sich
mitunter in keiner Weise vom Leben der übrigen Menschen unterscheidet. In solchen Fällen kann man gemäß der
Journalistik-Tradition nur sagen: no comment."
Das also ist die Stimmung angesichts der entsetzlichen Morde: "Weiter zur Tagesordnung - nicht der Rede wert." Diese Stimmung darf nicht unwidersprochen bleiben. Wir wehren uns gegen das brutale, schamlose Schweigen, das nun auch über die Gräueltat an unseren Mitbrüdern gelegt werden soll. Wir wehren uns gegen ihre Verleumdung und Verhöhnung durch eine Presse, die sich faktisch in den Dienst der Gewalttäter stellt. Mit großer Sorge sehen wir eine wachsende Pogrom-Stimmung in Russland gegen viele christliche Gruppierungen, denen ohnehin in den letzten Jahren und Monaten immer mehr Wind ins Gesicht bläst, auch von offizieller staatlicher Seite her: Behinderungen aller Art, bürokratische Schranken, Verdächtigungen, Entrechtung, Gewalt. Mit Trauer nehmen wir zur Kenntnis, dass Jesuiten, andere Katholiken und überhaupt andere Christen, auch ökumenisch gesonnene orthodoxe Christen in Russland auf xenophobe Gewalt stoßen, die zum Mord bereit ist und sich dabei auch noch der klammheimlichen Zustimmung in der Gesellschaft sicher sein kann.
Wir fordern die russische Regierung auf, sich dafür einzusetzen, dass die Morde an Otto Messmer und Victor Betancourt-Ruiz lückenlos aufgeklärt werden; wir fordern die russische Regierung ebenfalls auf, sich anti-ökumenischem und fremdenfeindlichem Denken in Russland erkennbar entgegenzustellen, und auch nicht-russischen Christen gerade in dieser Situation eine deutliches Zeichen der Akzeptanz in Russland zu geben.
Wir fordern die deutsche Regierung auf, diese Morde ebenso wie die vorhergehenden Morde an politisch und ökumenisch engagierten Christen in Russland auf die Tagesordnung der deutsch-russischen Agenda zu setzen.
Wir bitten alle politischen und gesellschaftlichen Kräfte in Deutschland, denen deutsch-russische Beziehungen mehr bedeuten als Geschäfte mit Erdgas und Pipeline, uns zu helfen, dass das Schweigen über diesen Mord nicht siegt.
V.i.S.d.P: Klaus Mertes SJ, Tiergartenstr. 30/31, 10758 Berlin, tel: 030/26481100
PS: Der Artikel steht im Original auch auf der homepage einerPfarrei in Moskau: www.uspenie.ru
http://religion.ng.ru/events/2008-10-29/100_jesuit.html Unabhängige Zeitung (NG = Nesavisimaja gaseta) Rubrik: Religion 29.10.2008 / Ereignisse